Die Frauen sollen es bitteschön richten

Eine Wienerin in Zürich

Als ich 2011 mit Anfang 40 von Wien nach Zürich übersiedelt bin, war das Thema Kinder für mich abgeschlossen. Wäre ich jünger gewesen und mit Kinderwunsch, hätte ich wohl ein Problem gehabt. Nach wie vor ist mir ein Rätsel, wie man es in der Schweiz auf die Reihe kriegt, Kinder zu bekommen und großzuziehen.

Der gesetzlichen Lage nach scheint es so, als wären in diesem Land Mütter mit Erwerbsarbeit gar nicht vorgesehen. Arbeiten bis zum Kreissaal ist angesagt. Eine Mutterschaftsversicherung ist erst seit einem Gesetz von 2005 in Kraft, nach 50-jährigen Anstrengungen von Gewerkschaften, Frauenorganisationen und engagierten Politiker:innen: 14 Wochen, ohne vollen Lohnausgleich (wobei Frauen mit mehreren Arbeitgebern, wie z.B Reinigungskräfte, auf Hürden stoßen, überhaupt zu dem ihnen zustehenden Geld zu kommen). Nach dem Mutterschafts»urlaub« gibt es kein Recht auf Teilzeit, der Kündigungsschutz gilt nur bis 16 Wochen nach der Geburt. Erst seit 2021 existiert – nach langen hitzigen Diskussionen – ein Vaterschaftsurlaub auf Bundesebene von 10 Tagen.

Da muten die Zustände in Österreich ja wie von einem anderen Planeten an: Beschäftigungsverbot acht Wochen vor dem berechneten Geburtstermin; Dienstfreistellung bis zu zwei Jahre nach der Geburt des Kindes, wenn sich die Eltern die Karenz aufteilen. Familienzeitbonus für den Vater für bis zu 31 Tage. Während der Karenz gilt ein Kündigungsschutz; bis zum Ablauf des achten Lebensjahres des Kindes hat die Mutter Anspruch auf Teilzeitarbeit.

In der Schweiz sieht es vergleichsweise also nicht gerade rosig aus. Und doch: »Die Frauen könnten einen grösseren Beitrag leisten als heute – wenn sie denn wollten«, so in einem Artikel der NZZ, einer der größten Tageszeitungen der Schweiz, von Mitte Januar.

Ach so, wobei denn? Für die Wirtschaft. Eine Studie eines großen Beratungsunternehmens, die im Artikel zitiert wird, sieht dunkle Wolken aufziehen, die sich bis 2050 noch mehr verdüstern werden: Der Eidgenossenschaft gehen die Arbeitskräfte aus. Große Lettern schreien einem die Lösung dafür in einer Überschrift entgegen – die Frauen! Sie sollen ihr Pensum aufstocken, möglichst Vollzeit arbeiten und nach der Geburt wieder in den Job einsteigen. Teilzeit wird neuerdings – nicht nur in der Schweiz – ja schon fast zum Inbegriff unsozialen Verhaltens.

Wenn dieser erste Lösungsansatz besagter Beraterstudie zum Arbeitskräftemangel voll aufginge, bliebe immer noch die Frage: Wer kümmert sich dann um die Kinder? Was ist mit ihnen? Sie sind die Leerstelle in diesem Szenario. So, wie wir »Betreuungsarbeit« derzeit gesellschaftlich definieren, sollen Kinder entweder in der Kernfamilie betreut werden oder in dafür vorgesehenen Einrichtungen. Hätten alle Elternteile keine Zeit mehr dafür, müsste es viel mehr Krippen- und Kitaplätze geben. Diese Plätze sind momentan in der Schweiz so teuer, dass ein Lohn, der nicht üppig ist, alleine dafür draufgeht. Warum also nicht diese Form der Betreuung staatlich subventionieren, zumindest für diejenigen, die es sich nicht leisten können?

Auch darauf geht die erwähnte Studie ein: Subventionierte Krippenplätze brächten nicht den gewünschten Effekt (der nämlich nicht grundsätzlich darin liegt, dass Mütter entlastet werden, sondern alleine darin, dass sie kurz nach der Geburt wieder arbeiten gehen). Sie könnten sogar negative Effekte haben. Dabei verweist der Artikel auf Studien aus Österreich: Nicht die Unternehmen profitierten von Kita-Subventionen, sondern, man halte sich fest: »Opa und Oma«. Wie kommen diese zu dem Schmankerl? »Weil ihnen die Betreuungsaufgabe abgenommen wird«. Soll heißen, es ist die Aufgabe der Großeltern – meist der Großmütter, vermute ich –, sich um die Enkel zu kümmern, damit die Töchter und Schwiegertöchter voll und ganz »der Wirtschaft« zur Verfügung stehen.

Diesbezüglich herrschen im Sinne der NZZ wiederum fast idyllische Zustände in der Schweiz: Rund 40 Prozent der Kleinkinder werden laut dem Artikel hier von den Großeltern betreut. Wie das zu bewerkstelligen wäre, wenn Menschen mit Enkelkindern selbst alle noch 100 Prozent arbeiten? Ich kenne Frauen mit Enkelkindern, die sich unter Druck fühlen: Sie wollen ihre Kinder nicht im Stich lassen, ihnen ist auch eine Beziehung zu den Enkelkindern wichtig – aber sie fühlen sich ebenfalls überfordert und ausgenutzt.

Den zweiten Lösungsansatz sieht die im NZZ-Artikel zitierte Studie in der Anzahl der Kinder, die wieder steigen soll. Auch hier wird der Ball den Frauen zugespielt: Kriegt doch endlich wieder mehr Kinder! Das, damit sich die Gesellschaft »aus eigener Kraft erhalten kann«. Denn, sonst käme Ansatz Nummer drei ins Spiel: verstärkte Zuwanderung. Aber das sei, so eine zitierte Politikerin aus dem Kanton Zürich, »ein politisch wie gesellschaftlich unerwünschtes Szenario«.

Die Last der Lösung des Arbeitskräftemangels liegt also auf den Schultern und im Uterus der autochthonen Schweizer Frauen, wer auch immer die genau sind. Wenn sie denn wollten.

Quellen

Zeno Geisseler: Neue Zürcher Studie zeigt: Auch bei stark subventionierten Krippen bleiben Mütter lieber mit den Kindern zu Hause. NZZ vom 15.01.2026